Tagebucheintrag eines... Wir schauen zurück auf den Kosovo
Sechs Wochen Kosovo Einsatz sind vorbei- wir haben die Zeit alle unterschiedlich wahrgenommen. Die verschiedenen Perspektiven gründen sich auf unseren Stärken, Vorlieben und Aufgaben.
Findet heraus, wer hinten den verschiedenen Aspekten steckt und schreibt es in die Kommentare!
Tagebucheintrag eines...
Dass Reisen viele Herausforderungen mit sich bringt, war mir von Anfang an bewusst. Aber das, was mein Ökoherz im Kosovo ertragen muss, führt mich stark an meine Grenzen!
Der Horror fängt morgens nach der Besprechung an, da wir jeden Tag, wirklich jeden Tag, mit unserem Crafter weitere Abgase in die ohnehin schon verpestete Luft Pristhinas stoßen, um unseren Arbeitsplatz zu erreichen. Nach der ersten Arbeitssession des Tages geht es dann hart weiter; mit dem Mittagessen. Wenn alle gestärkt sind, landet leider der Rest des wertvollen Essens im Mülleimer, da es nicht üblich ist, sich dieses einpacken zu lassen. Nachmittags heißt es für uns Feierabend und schon werden meine Nerven beim Einkauf erneut auf die Probe gestellt. Die fünf Worte " I don´t need a bag" kann ich nach den sechs Wochen im Schlaf aufsagen.
Also ein Aufruf an alle meine Ökofreunde da draußen: Geht raus und pflanzt einen Baum, für jede
Plastiktüte, die schon für eine Tafel Schokolade gezückt wird!
... Leiters
Ach ja- heute ist also wieder mal der wöchentliche "freie Tag" und in fünf Minuten muss ich zu meiner zweiten Besprechung des Tages. Für den Kosovaren scheint das Konzept von Feierabend und Wochenende nicht so wirklich zu existieren... Gut, dass immer und überall Kaffee serviert wird. Das bekämpft die Müdigkeit einigermaßen effektiv. Gefühlt bestehen meine Tage hier aus pausenlosem Kommunizieren: Vom Team an die Verantwortlichen, von den Kosovaren an meine Leute. Nach der anfänglichen Eingewöhnungsphase macht das Leiter- Sein aber auch Spaß. Wo sonst gilt im Kaffee sitzen und über alles Mögliche (inklusive geplanten Projekten) plaudern, sonst als Arbeitszeit?!
... Dorfkindes
Als wir in den Kosovo kamen, stand eine große Herausforderung vor mir: das erste Mal in einer Hauptstadt wohnen. Das erste Mal nicht den Geruch von Kuhmist in der Nase haben, sondern stattdessen den von Autoabgasen. Dazu kommt dann noch der viel anspruchsvollere Verkehr, die fehlende Natur, die fehlende Ruhe vom Dorf, etc.. Und auch die wenigen Parks in der Stadt können die Wälder daheim oder die Berge in Brixen nicht ersetzen. Auch wenn ich natürlich die Vorzüge des Stadtlebens, wie zum Beispiel die Nähe zu den Geschäften, kennenlernen durfte, habe ich den Entschluss gefasst, wahrscheinlich nie freiwillig in eine größere Stadt zu ziehen.
... Musikers
"Even so come", "Sinking deep", "Your Presence"- diese und andere Lieder wurden in unser Repertoire an Lieblingsliedern aufgenommen und wir geben sie nicht wieder her. Die Musik im Kosovo ist auf jeden Fall ein großes Plus während unseres Einsatzes. Bei jedem Gottesdienst, Bible Study, Prayer Metting oder sonstigen Veranstaltungen, gibt es unglaublich schönen und modernen Lobpreis auf albanisch und englisch und zu unseren Ehren an unserem letzten Sonntag auch auf deutsch. Angesteckt werden wir von der Freude und Hingabe der Kosovaren und kommen in den Genuss, mit der kosovarischen Taya (Leadsängerin der Hillsong Band) Musik machen zu dürfen.
... Organizers
Pläne, Terminkalender und Todo- Listen habe ich mehr oder weniger alle Zuhause gelassen und mich schon in Brixen daran gewöhnt- oder gewöhnen müssen- dass es völlig normal ist, nicht zu wissen, was am nächsten Tag passiert. Es gab dann immer wieder "Team Roar, sammeln!"- Schreie, die meinen Bedarf an Infos vorerst bedient haben. Im Kosovo ging es dann weniger um die Perspektive eines Tagesplans, als darum, den Plan für die nächsten 30-60 Minuten zu haben. Nachdem ich in der ersten Woche immer noch versuchte, mir zusammenzureimen, was als Nächstes kommen könnte (und daran natürlich immer kläglich scheiterte), habe ich mich bewusster darauf eingelassen, bei einem Kaffee mehr oder weniger geduldig auf eine Aufgabe zu warten. Denn es ist nicht so, dass es keinen Plan gibt, man ist vielmehr sehr sehr offen und flexibel für jegliche spontane Änderungen. Bezeichnend war auch der Satz eines Mitarbeiters: "Wenn wir es nicht bis ins letzte Detail planen, können wir anschließend auch nicht sagen, dass wir es waren, die dieses Event zu so etwas Tollem gemacht haben, sondern es war Gottes Wirken." Sowohl das, als auch die uneingeschränkte Flexibilität haben unseren Alltag abwechslungsreich, aber manchmal auch stressig und anstrengend gemacht, weil dann eben sehr schnell reagiert werden musste. So wird der Organizer in mir weiter Plänen und Listen schreiben, aber der Blick für alles Ungeplante wurde durch den Kosovo auf jeden Fall geschult.
... Sportlers
Das Sporlerleben in Pristhina ist sehr hart. Es gibt kaum Parks und wenn dann sind sie nur sehr klein, das bedeutet, es gibt keine Möglichkeit im Grünen joggen zu gehen. Aus diesem Grund bin ich gezwungen quer Feld ein durch die Stadt zu joggen, was sehr gewöhnungsbedürftig ist, da das Joggen in der Stadt eher Free Running gleicht. Einfach aus dem Grund, dass so viel Verkehr auf den Straßen und dem Gehweg ist. Zudem wird das Sport machen durch die mit Abgasen verpestete Luft erschwert. Ist der Bewegungsdrang doch größer, als diese Hindernisse, wird man beim Joggen so skeptisch begutachtet, als wäre man ein Alien. Bei Fußball ist das jedoch ganz anders, da Fußball der Lieblingssport der Kosovaren ist. Allerdings unterscheidet sich ihr Spiel deutlich von der deutschen Spielart. Glücklicherweise fühlt man sich durch das gemeinsame Fußball spielen verbunden und kann damit auch sehr schnell Freundschaften knüpfen.
... Autofahrers
Schon in Deutschland war ich nicht der regelkonformste Autofahrer: vier Blitzerfotos waren die bittere Konsequenz. Im Kosovo bin ich da ganz auf meine Kosten gekommen. Die Hauptregel im Straßenverkehr ist: egal wie dreist jemand anderes fährt, du solltest dreisster fahren. Mit diesem Prinzip ist man mit unserem VW- Crafter sehr erfolgreich. In den dreispurigen Kreisverkehren, kann man ohne Probleme und ohne zu bremsen reinkloppen, auf die Nutzung vom Blinker komplett verzichten und mit einem energischen „Kastravez“ (=Gurke, hierzulande auch als Beleidigung genutzt) -Schrei oder einer aggressiven Hupe jedem die Angst seines Lebens einflössen. Mein persönliches Highlight war, als wir zusammen mit einem Einheimischen als Falschfahrer auf dem Seitenstreifen einer Kraftfahrstrasse gefahren sind, weil er keine Lust hatte, bis zum nächsten Kreisverkehr zu fahren, um zu wenden. Dieses Erlebnis hat den gesamten Verkehr sehr gut beschrieben: wir haben es überlebt; Gott sei Dank!
| A piece of our heart stays in Kosovo |



Kommentare
Kommentar veröffentlichen